Den Wald vor lauter Bäumen nicht sehen …

Baum im Wald

Eine kleine Exkursion zu Metaphern über Mitarbeiter und Organisationen: Von der T-shaped Kompetenz über Tree-shaped hin zum Wald und zur Forstwirtschaft. Der vernetzte Wald als Symbol für lebendige Unternehmen.

Manche Vordenker für die (agile) Arbeitswelt wünschen, die MitarbeiterInnen des Unternehmens hätten eine „T-shaped-Kompetenz“. Damit ist nicht ein breites Kreuz, das auch hohe Belastung tragen kann, gemeint, sondern der vertikale Strich steht für die fachliche Kompetenz – in die Tiefe gehend – und der horizontale Strich für die übergreifende, vernetzende Kompetenz – in die Breite gehend. In diesem Bild sind wir also alle große „T“s, die sich (hoffentlich) mit den Enden ihres horizontalen Strichs berühren und Informationen austauschen.

T-shaped Kompetenz

Wir leben (noch) in einer Zeit, wo alles immer größer, prächtiger, effizienter sein soll. Und so fordern Einzelne: „Nein, T-shaped reicht nicht! Wir brauchen π-shaped-Kompetenz. Eine einzige fachliche Kompetenz reicht nicht mehr. Nicht nur Maschinenbau, sondern auch Informatik.“ Und prompt findet der Nächste eine Steigerung: „Wir brauchen Tausendfüßler!“

Aber zurück zum „T“. Wie sieht dann eine Organisation aus? Alles mehr oder weniger genormte „T“s in ähnlicher Größe? Okay, dann können Sie sich die Hände reichen – und gemeinsam einen Reihentanz wie z.B. einen Sirtaki tanzen. Ist das die Aufgabe oder der Zweck einer Organisation? Sirtaki tanzen?

normierte T-Shapes

Und sind wirklich in der Realität von Organisationen alle „T“s annähernd gleich groß? Realistisch ist da wohl eher ein Haufen von „T“s, die unterschiedliche Größe haben und auch ein unterschiedliches Verhältnis zwischen Fach- und Vernetzungskompetenz. Manches „T“ wird isoliert stehen oder nur in einer kleinen Gruppe. Und dann gibt es da ja noch die Silos, also Abteilungen – Ab-TEIL-ung. Haben genügend „T“s so lange Arme, dass Silo-übergreifende Kommunikation gut funktioniert?

unterschiedliche Ts

Was passiert, wenn mal eine Störung, ein Windstoß kommt? Ein „T“ steht ziemlich wackelig auf seiner Zeile, seinem Boden. So manches „T“ wird umkippen – und andere mitreißen.

instabile Ts

Was ist der Zweck einer Organisation? Ganz groß gedacht: „Wir wollen überleben und den Kunden einen Nutzen bringen!“ Das ist der höchste Zweck vieler Unternehmen – die Selbsterhaltung und der Nutzen für Andere –, auch wenn oftmals ganz andere Aspekte als Ziel genannt werden, wie z.B. Marktführerschaft, größter Anbieter weltweit, höchste Effizienz, höchste Qualität usw..

Der Buchstabe „T“ ist also vielleicht gar nicht so gut als Metapher. Gute Unternehmen sind lebendig, sie verändern sich – und bleiben doch sich selbst treu und stabil. Ich möchte daher hier eine andere Metapher anbieten: Der Mitarbeiter als Baum.

vom T zum Tree

Lassen Sie uns das T umdrehen! Dann steht es recht stabil auf dem Boden. Und die besondere, einzigartige Kompetenz jedes einzelnen Mitarbeiters kann wachsen, vielleicht eine Krone bilden, Blätter oder Nadeln entwickeln. Früchte tragen, sich vermehren und so neue, kleine Bäumchen ermöglichen. Und gleichzeitig mit seiner Krone wachsen seine Wurzeln.

Bäume sind lebendig, sie verändern sich mit der Zeit, sie können wachsen, sie produzieren Samen bzw. Früchte, und sie absorbieren Kohlendioxid und produzieren Sauerstoff – ein großer Nutzen für die BewohnerInnen unseres Planeten. Ohne eine Rechnung zu schicken! Und am Ende dient der verstorbene Baum wieder als Rohstoff für neues Wachstum von anderen Organismen und nachfolgende Baumgenerationen.

Wir haben jetzt in diesem Bild, in dieser Metapher eine Ansammlung von verschiedenen Bäumen, groß und klein, Nadel- und Laubbäume. Ein Mischwald! Und es ist bekannt, dass ein Mischwald sehr viel besser mit den Herausforderungen von Stürmen und Klimawandel klar kommen kann. Er ist in seiner Gesamtheit resilienter als eine Monokultur!

stabiler Mischwald

Was wird in diesem Bild aus der Vernetzungskompetenz? Die aktuelle Forstwissenschaft hat belegt, dass Bäume sehr intensiv miteinander kommunizieren – siehe z.B. das Buch von Peter Wohlleben. Ältere Bäume geben Nährstoffe ab an ihre eigenen Nachkommen – und auch an fremde Nachkommen der gleichen Art. Bei Schädlingsangriffen geben sie diese Information weiter an andere Bäume, die dann ihre eigenen Abwehrmaßnahmen dagegen hoch fahren. Und es gibt auch Kooperationen über Arten hinweg: Laubbäume haben im Sommer mehr als genug Nährstoffe – und geben diese ab an Nadelbäume. Und umgekehrt unterstützen manche Nadelbäume im Winter die benachbarten, dann blattlosen Laubbäume. Gelebte Solidarität. Alte und abgestorbene Bäume wirken wie ein Archiv des Wissens. Ein Wald ist also sehr viel mehr als eine Ansammlung von Bäumen, es ist ein kooperierende/kollaborierende Gemeinschaft.

Wie funktioniert diese Kommunikation? Jeder Baum hat seine eigenen Wurzeln – kein Händchenhalten, keine gegenseitig angezapften Leitungen. Da kommt der Boden ins Spiel: Im Waldboden gibt es ein dichtes Netz von Pilzgeflecht, dem Myzel. Über dieses Myzel werden Informationen und auch Nährstoffe ausgetauscht: Das „Wood Wide Web“. Das Wunder der die einzelnen Bäume verbindende Koop- und Kollaboration ist für uns Außenstehende unsichtbar.

Was könnte dies für eine Organisation bedeuten? Wenn Sie der Förster bzw. Geschäftsführer oder Vordenker und Entwickler der Organisation sind, suchen Sie für neue Bäume einen Platz, wo sie geschützt wurzeln und aufwachsen können. Vielleicht mag die eine Baumart gerne in einer kleinen Peergruppe wachsen und gedeihen. Andere Bäume/Baumarten mögen vielleicht eher alleine stehen. Vielleicht kann ein älterer Baum zu einem Paten für junge Bäume werden. Setzen Sie auf eine Mischung von Bäumen – finden Sie Kombinationen, die sich gegenseitig unterstützen. Pflegen Sie Ihren Baumbestand und insbesondere das Pilzgeflecht im Boden. Und begegnen Sie dem, was wächst und gedeiht, was sich vernetzt und kollaboriert, mit Demut und Respekt.

Unsere menschlichen Organisationen haben einen gewaltigen Vorteil gegenüber den Waldgemeinschaften: Wir können mit den Menschen reden, sie fragen, welches Umfeld sie brauchen zum Wohlfühlen, wachsen und produktiv sein. Gemeinsam können wir nach einem guten Standort suchen. Und wenn ein Standortwechsel sinnvoll ist, braucht es keine brutale Kettensäge oder einen die Nachbarschaft beschädigenden Bagger. Wir Menschen haben eine höhere Mobilität. Dennoch brauchen auch wir einen für jeden einzelnen unterschiedlichen, passenden Platz zum Wurzelschlagen in der (neuen) Gemeinschaft. Und es dauert seine Zeit, bis man auf der neuen Position fest verankert und gut vernetzt ist.

Wir wünschen Ihnen als Förster einen guten Draht zu Ihren Bäumen und viel Freude bei der Pflege Ihres Waldes. Und denken Sie dran: Auch wenn man am Grashalm (oder Baum) zieht, er wächst nicht schneller. Sorgen Sie stattdessen für einen guten feuchten Boden, sodass durch das Pilzgeflecht Ihre Sammlung von Bäumen zu einer starken, lebendigen und überlebensfähigen Gemeinschaft, einem echten, vernetzten Wald wird.

Blumen im Wald

P.S.: Auch der Wald ist keine „heile Welt“. Das Wood Wide Web wird vereinzelt von Pflanzen auch zum Schmarotzen oder für Angriffe gegen Nachbarn genutzt. Der positive, unterstützende Austausch zwischen den Bäumen überwiegt jedoch.

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